Wo der Kraichgau liegt und wo er endet
Zwischen den Waldgebirgen Odenwald und Schwarzwald bleibt eine Lücke, und die füllt der Kraichgau: ein offenes Hügelland, meist 200 bis 300 Meter hoch, das im Westen zur Rheinebene abfällt und im Nordosten am Neckar endet. Im Osten schließen die bewaldeten Keuperrücken von Stromberg und Heuchelberg an, im Südosten reicht er bis an die Enz.
In der naturräumlichen Gliederung Deutschlands ist der Kraichgau die Haupteinheit 125, rund 1.630 Quadratkilometer groß. Das Bundesamt für Naturschutz teilt ihn in zwei Landschaften. Der nördliche Kraichgau mit 1.221 Quadratkilometern ist das typische Bild: weiche, fast waldfreie Hügel mit Äckern, flache Talmulden, Wald nur als Inseln auf den Rücken. Der südliche Kraichgau mit 409 Quadratkilometern an der Pfinz und rund um Pforzheim ist stärker zertalt und deutlich waldreicher.
Weil die Grenzen der Landschaft quer durch Gemeinden laufen, haben wir für unser Gebiet eine eigene Regel und eine vollständige Liste: Welche Orte gehören zum Kraichgau? Warum der Stromberg trotz des gemeinsamen Tourismusverbands eine eigene Landschaft ist, erklärt Gehört der Stromberg zum Kraichgau?
Woher der Name kommt
Namensgeber ist der Kraichbach. Er entspringt bei Sternenfels am Rand des Strombergs, fließt nach Nordwesten durch das Hügelland und erreicht bei Ketsch den Rhein. Namen auf -gau bezeichneten im frühen Mittelalter einen Landstrich, und zwei Drittel dieser Namen im heutigen Baden-Württemberg sind nach Flüssen gebildet, wie der benachbarte Elsenzgau oder der Enzgau.
Schriftlich fassbar wird der Kraichgau in den Schenkungen an das Kloster Lorsch, die im 12. Jahrhundert im Lorscher Codex abgeschrieben wurden. Die älteste Schenkung, die der Codex zum Kraichgau führt, betrifft Östringen: Sie trägt das Datum 18. August 765, das die maßgebliche Edition für verschrieben hält und auf 768 setzt. Gemeint war damals nur das Land um den Kraichbach; die Grenzen zu den Nachbargauen überschneiden sich in den Urkunden.
Später wuchs der Begriff. Die Ritter des Ritterkantons Kraichgau besaßen Güter zwischen Rhein, Neckar, Zaber und Pfinz, in der Schulgeographie der 1920er-Jahre hieß das Gebiet dagegen noch Enz-, Pfinz- und Kraichgauer Hügelland. Heute steht der Name für das ganze Hügelland zwischen Odenwald und Schwarzwald.
Löss, Muschelkalk und ein Vulkan: der Untergrund
Unter den Feldern liegen die Kalksteine des Muschelkalks und die Ton-, Mergel- und Sandsteine des Keupers, zerlegt von vielen Verwerfungen. Während sich der Odenwald hob, senkte sich der Kraichgau ab, und in dieser Beckenlage lagerte der Wind in den Kaltzeiten feinen Staub ab. Diese Lössdecke überzieht das Hügelland fast vollständig, verbreitet gut 20 Meter dick, oft über Gipskeuper. Sie macht die Formen weich und die Böden fruchtbar, wird aber leicht abgetragen: Auf Kuppen und Hängen sind die Böden oft stark erodiert, in Mulden und am Hangfuß liegen mächtige Schichten abgeschwemmter Erde. Wo Fuhrwerke und Regen sich über Jahrhunderte in den Löss gruben, entstanden Hohlwege wie die Galgenhohle bei Kraichtal-Oberöwisheim; mehr dazu unter Hohlwege im Kraichgau.
Im Mittleren Muschelkalk lagert Steinsalz. Wo Wasser es und den Gips im Untergrund löst, sacken Dolinen ein. Unter Bad Rappenau liegt ein Salzlager in 175 bis 180 Metern Tiefe, seine Sole speist die Bäder und das Gradierwerk im Salinenpark. Im Süden, an der Pfinz, kommen Buntsandstein und Muschelkalk an die Oberfläche; dort ist das Land waldreicher.
Als Berg sichtbar wird Vulkangestein nur am Steinsberg bei Sinsheim-Weiler. Er ist die herausgewitterte Füllung eines Vulkanschlots mit mehr als 300 Metern Durchmesser, entstanden vor mindestens 55, wahrscheinlich 56 bis 57,5 Millionen Jahren. Das schwarze, harte Gestein trotzte der Abtragung besser als die bunten Mergel ringsum, deren rote Farbe in den Weinbergen am Hang zu sehen ist. An der Ringmauer der Burg Steinsberg steht es rechts vom Eingang direkt an. Zum selben kleinen Vulkangebiet gehören der Katzenbuckel im Odenwald und vulkanische Gänge bei Neckarbischofsheim, die meist nur durch Messungen bekannt sind. Mit 333 Metern ist der Steinsberg die höchste Erhebung des Kraichgaus; höher liegen nur die Hochflächen im Süden, die am Enztal rund 400 Meter erreichen.
Klima, Böden und was auf den Feldern wächst
Die Beckenlage zwischen den Mittelgebirgen macht den Kraichgau mild. Das Jahresmittel der Temperatur liegt bei 8,5 bis 10 Grad, in den Gäulandschaften, zu denen er gehört, fallen meist 700 bis 900 Millimeter Niederschlag im Jahr. Dazu kommen Lössböden, die zu den besten des Landes zählen. Entsprechend dicht wird die Landschaft genutzt: Getreide herrscht vor, daneben wachsen Kartoffeln, Zuckerrüben, Tabak und Wein, dazwischen stehen Obstwiesen.
Reben prägen vor allem die Hänge im westlichen Kraichgau und den Übergang zu Heuchelberg und Stromberg im Osten; Lagen, Weingüter und Weinfeste stehen unter Wein und Weingüter im Kraichgau. Der Spargel der Region wächst dagegen überwiegend auf den Sandböden der Rheinebene am Westrand, siehe Spargel im Kraichgau.
Die Ackerlandschaft hat eigene Bewohner. Für Feldhamster und Mauer-Gipskraut, zwei hochgradig schutzbedürftige Arten der Äcker, ist der Kraichgau ein Schwerpunkt im Land. Hohlwege, Lösswände und Stufenraine waren früher viel weiter verbreitet; in größerem Umfang gibt es sie nur noch in den Randhügeln bei Bruchsal. Im südlichen Kraichgau sind Streuobstwiesen Lebensraum für Vögel wie Wendehals und Raubwürger.
Geschichte in Etappen
Die fruchtbaren Böden zogen schon die Bauern der Jungsteinzeit an, und die offene Senke zwischen den Gebirgen war lange ein Durchgangsland: Vorgeschichtliche Wege, Römerstraßen und mittelalterliche Handelsstraßen führten hindurch, später auch viele Kriegszüge. Wichtige Stationen, jeweils mit einem Ort, an dem du sie heute findest:
- Vor rund 600.000 Jahren: In den Sanden einer alten Neckarschlinge bei Mauer fand ein Arbeiter 1907 den Unterkiefer, den der Heidelberger Paläoanthropologe Otto Schoetensack Homo heidelbergensis nannte. Datiert wird er auf 609.000 Jahre, mit einer Unsicherheit von 40.000 Jahren. An der früheren Sandgrube am Grafenrain erklären Tafeln den Fund, das Urgeschichtliche Museum im Rathaus zeigt Funde aus den Sanden.
- Frühes Mittelalter: Der Kraichgau ist ein Bezirk im Fränkischen Reich, eine Grafschaft im Kraichgau ist seit 858 belegt.
- Stauferzeit: An der Reichsstraße von Nürnberg über Heilbronn nach Durlach wächst Eppingen zur Stadt, 1188 als befestigter Ort und 1219 als Stadt genannt. Über dem Neckar entsteht ab der Mitte des 12. Jahrhunderts die Kaiserpfalz Wimpfen, im 13. Jahrhundert der achteckige Bergfried der Burg Steinsberg.
- Spätmittelalter bis 1803: Das Land zerfällt in viele Herrschaften. Die Kurpfalz hält Bretten und seit 1462 Eppingen, Württemberg erobert 1504 Knittlingen, Wimpfen ist Reichsstadt, und die Fürstbischöfe von Speyer residieren im 18. Jahrhundert im ab 1722 erbauten Schloss Bruchsal. Dazwischen liegen die Dörfer von Ritterfamilien wie den Gemmingen, Neipperg und Göler von Ravensburg.
- 1542: Auf einem Rittertag in Bretten schließen sich die Ritter zum Ritterkanton Kraichgau zusammen, 1560 treten sie der Ritterschaft in Schwaben bei. Kanzlei und Archiv sitzen zunächst in Wimpfen, ab 1619 in Heilbronn. Der Kanton versteht sich als evangelisch, in seiner Leitung sitzen bis 1806 nur lutherische Ritter.
- Reformation: Der 1497 in Bretten geborene Philipp Melanchthon lehrt an Luthers Seite in Wittenberg; an der Stelle seines Geburtshauses steht heute das Melanchthonhaus. 1558 hält der in Menzingen, heute Kraichtal, aufgewachsene David Chytraeus in Rostock eine Rede über den Kraichgau und dankt darin Melanchthon und seinem Förderer Peter von Mentzingen; gedruckt erscheint sie 1561.
- 1564/65: Vor der Pest in Heidelberg weichen Teile der Universität nach Eppingen aus, in das Haus, das heute Alte Universität heißt.
- 17. Jahrhundert: Nach dem Dreißigjährigen Krieg füllen Zuwanderer vor allem aus der Schweiz die entvölkerten Orte. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg brennen französische Truppen 1689 Bretten nieder, und von 1695 bis 1697 lässt Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden die Eppinger Linien von Pforzheim bis Neckargemünd anlegen. Schanzen sind am Ottilienberg erhalten, ein nachgebauter Wachturm steht knapp einen Kilometer südöstlich im Wald.
- 1803 bis 1806: Mit dem Ende des Alten Reichs fallen Bretten, Eppingen und das Hochstift Speyer mit Bruchsal an Baden, ebenso der größte Teil der Ritterdörfer; den Rest erhält Württemberg. Wimpfen kommt an Hessen-Darmstadt und gehört erst seit 1952 zum Landkreis Heilbronn.
- 19. und 20. Jahrhundert: Eisenbahnen erschließen das Hügelland, Eppingen etwa erhält 1879 bis 1899 Strecken nach Karlsruhe, Heilbronn und Heidelberg. 1952 entsteht Baden-Württemberg, und mit der Kreisreform 1973 werden die Landkreise Sinsheim und Bruchsal aufgelöst.
Kraichgau heute: eine Region ohne eigene Verwaltung
Einen Landkreis, ein Amt oder eine Stadt namens Kraichgau gibt es nicht. Die Gemeinden unseres Gebiets gehören zu fünf Landkreisen, vier davon im Regierungsbezirk Karlsruhe, der Landkreis Heilbronn im Regierungsbezirk Stuttgart. Gemeinsam treten sie nur in freiwilligen Bündnissen auf, und jedes meint einen anderen Ausschnitt.
Nach außen tritt vor allem der Tourismusverband Kraichgau-Stromberg auf. Er wirbt als „Land der 1000 Hügel“ für Kraichgau und Stromberg zusammen. Unter seinen Mitgliedern sind Weinorte am Neckar im Landkreis Ludwigsburg, während Sinsheim und Bad Rappenau fehlen. Prospekte und Tourenportale unter diesem Namen führen deshalb auch zu Zielen außerhalb des Kraichgaus, etwa zum Kloster Maulbronn im Stromberg.
Das LEADER-Gebiet Kraichgau ist ein Fördergebiet der EU für ländliche Räume. Seine Aktionsgruppe unterstützt Vorhaben in 22 Städten und Gemeinden, ausgerichtet auf die Handlungsfelder Kraichgau-Erlebnisse, nachhaltiges Leben, lebendige Orte und starke Köpfe. Größere Städte gehören nur mit einzelnen Stadtteilen dazu, Bretten etwa mit Bauerbach, Büchig und Neibsheim.
Kraichgau Regional zieht die Grenze nach der Landschaft, nimmt aber immer ganze Gemeinden auf. So entstehen die 61 Orte in Karte und Tabelle oben, von denen 30 vollständig im Naturraum liegen.
So lernst du den Kraichgau kennen
Wanderungen mit Start am Bahnhof oder Wanderparkplatz beschreibt Wandern im Kraichgau, Touren mit dem Rad Radfahren im Kraichgau.
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